Neue Lernpartnerin am Tisch beim Fremdsprachenunterricht
Künstliche Intelligenz bereichert das Sprachenlernen. Sie hilft Hürden abzubauen, Motivation zu steigern und das Lernen zu personalisieren, wie es früher undenkbar war. Schüler:innen arbeiten unabhängiger und individueller, aber Lehrpersonen bleiben weiterhin zentral, darin sind sich beide untersuchten Studien einig.
von Hansjürg Perino
Künstliche Intelligenz bereichert das Sprachenlernen. Sie hilft Hürden abzubauen, Motivation zu steigern und das Lernen zu personalisieren, wie es früher undenkbar war. Schüler:innen arbeiten unabhängiger und individueller, aber Lehrpersonen bleiben weiterhin zentral, darin sind sich beide untersuchten Studien einig.
Die eine Studie ist ein «Case Study» aus Hongkong[1], die andere eine Meta-Analyse von 35 sorgfältig ausgewählten internationalen Studien zu genau definierten Aspekten des Sprachenlernens[2]:
Die Befunde der beiden voneinander unabhängigen Studien decken sich weitgehend:
- Personalisierung / Individualisierung: Tools, die Schwierigkeitsgrad und Tempo an den Lernfortschritt anpassen, greifen direkt Wygotskis Zone der proximalen Entwicklung (ZPD)[3] auf – Stichwort «Scaffolding»:
Wygotski beschreibt den Lernbereich zwischen dem, was eine Person bereits selbstständig kann, und dem, was sie mit Unterstützung bewältigen kann – und bildet damit die theoretische Grundlage für Personalisierung und Individualisierung (gezielte Unterstützung entsprechend der Bedürfnisse jedes/jeder Lernenden). - Motivation:
- Jüngere Schüler:innen reagieren positiv auf Cartoon Avatare, oder spielerisch gestaltete Aufgaben – auch wenn bei didaktischer Gamification eine gewisse Gefahr besteht, dass die intrinsische Neugier auf das eigentliche Lernen durch extrinsische Spiel-Anreize verdrängt werden könnte.
- Weitere affektive Effekte ergeben sich für alle Lernenden: Chatbots, Podcasts oder Transkriptions-Apps schaffen sichere Übungsräume mit geringem Druck (kein Mensch hört zu) und schärfen zugleich das Bewusstsein für Fehler, weil das Gesprochene protokolliert wird.
Beide Studien betonen: Lehrkräfte werden durch KI nicht ersetzt – im Gegenteil:
Schüler:innen wünschen sich hybride Ansätze – die Wärme und Erfahrung von Menschen kombiniert mit der Vielfalt der KI. Ohne die kulturelle und emotionale Intelligenz von Lehrkräften droht Sprachenlernen steril zu werden. Hinzu kommen ethische Fragen, welche eine kritische Diskussion mit Lehrpersonen erfordern.
Von der Forschung zur Praxis: Das DLH-Projekt zum Thema
«Selbstverantwortliches Lernen mit KI im Englisch» ist ein durch den Innovationsfonds des Digital Learning Hub (DLH) gefördertes Projekt. Es setzt genau an den Punkten an, die in den Studien beschrieben werden. Auch in diesem Projekt aus der Praxis ist die KI kein Ersatz für die Lehrperson, sondern ein neuer smarter, diskreter und agiler Partner am Tisch.
(Das Projekt kann auf den Seiten des DLH eingesehen werden und wird im Verlaufe von 2026 mit allen Prompts und Details veröffentlicht, siehe[4].)
Diskussionsfragen Diskutiert mit im Teamskanal 11 Sprachen - Immersion - bili | DLH Community | Microsoft Teams
1. Personalisierung vs. soziales Lernen
Wo liegt die Grenze zwischen hilfreicher Individualisierung und dem Verlust gemeinsamer Lernmomente?
2. Emotionale Intelligenz im Sprachunterricht
Welche Rolle spielen kulturelle und emotionale Aspekte beim Sprachenlernen – und kann KI hier mithalten?
3. Zukunftsbild Klassenzimmer
Wie stellst du dir den Fremdsprachenunterricht in Zukunft vor, wenn KI selbstverständlich integriert ist? Welche neuen Möglichkeiten siehst du dabei?
Quellenangaben:
[1] Research Hub my college: https://my.chartered.college/research-hub/exploring-the-potential-of-ai-tools-in-language-learning/(Zugriff: 20-10-2025)
[2] Aljanadbah, A., Al Marri, R. H. & Al Marri, H. M. (2025). The Future of Foreign Language Learning in the Age of Artificial Intelligence: A Critical Analysis of Trends, Challenges, and Opportunities. Dibon Journal of Languages, 1(2), 200-217. Doi: https://doi.org/10.64169/djl.84
[3] Wygotski (ZBD): https://www.simplypsychology.org/zone-of-proximal-development.html
[4] DLH Innovationsprojekthttps://dlh.zh.ch/home/innovationsfonds/projektvorstellungen/uebersicht/997-selbstverantwortliches-lernen-mit-ki-im-englisch
Vergleichende Auszüge aus beiden Studien – in Originalsprache
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Theme |
Study 1 – Exploring AI Tools (Valdueza García, 2025) |
Study 2 – Future of FLL with AI (Aljanadbah et al., 2025) |
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Personalisation & Adaptivity |
Avatars & songs reduce anxiety, add motivation. NotebookLM lowers cognitive load. |
Adaptive platforms tailor tasks, pacing aligns with ZPD. |
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Motivation & Engagement |
Avatars, songs & GenAI tasks spark enjoyment; students see them as exam prep aids. |
Gamification boosts persistence (+35%) but risks extrinsic focus. |
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Autonomy & Confidence |
Avatars & transcripts create safe spaces; noticing mistakes builds reflection. |
Chatbots reduce speaking anxiety by 40%; promote learner autonomy. |
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Skill Development |
AI-songs target vocab/grammar; GenAI agents scaffold speaking; transcription fosters metacognition. |
Speech recognition (85% accuracy), grammar checkers, chatbots for real-life practice. |
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Access & Inclusion |
Multimodality (audio + text) lowers barriers, supports weaker learners. |
Democratizes access, esp. underserved regions. |
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Teacher’s Role |
Students want AI as complement, not replacement; human-in-the-loop valued. |
AI should augment teachers; risk of losing cultural/emotional richness. |
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Challenges |
Transcription errors, need for teacher correction; younger vs older metacognition differences. |
Bias in pronunciation scoring, privacy, rural access issues, teacher resistance. |